Mein Weg zum Crossfit

Mein Weg zum Crossfit

Crossfit und ich? Nie im Leben!

Ich dachte mein Leben lang ich bin unsportlich und mag es nicht mich zu bewegen. Dabei haben meine Eltern wirklich alles versucht, um mir Sport schmackhaft zu machen und mich alles ausprobieren lassen, dass mein Interesse geweckt hatte. So habe ich in der Vergangenheit Karate gemacht, Tennis gespielt, Ballett getanzt, Squash gespielt, Jazzdance betrieben, bin ins Fitnessstudio gegangen und bin in einer Mannschaft geschwommen, ich hatte Schnupper-Stunden in Basketball und Tauchen belegt, ich war Laufen und Inlineskaten und beim EMS und obwohl mich einige dieser Dinge erfreut haben, habe ich es nie geschafft etwas durchzuhalten.

Ich kann nicht mal sagen warum, es ist einfach so. Ich hatte einfach akzeptiert, dass ich lieber Kalorien konsumiere als sie zu verbrennen.

Crossfit? Was ist das?

Dann 2017 war ich bei meinem Vater zu Besuch und er hatte sich den Film der Crossfit-Games 2016 gekauft. Er wusste, dass Sport einfach nicht so mein Ding ist. Ich war eben dieses mollige, drollige Pummelchen, dass mit Farben, Glitzer und Perlen spielt, das die schönsten Topflappen häkelt, aber einfach immer ein wenig wie Miss Piggie aussieht.

Also fragte er mich, ob es mich stören würde, wenn wir diesen Film zum Abendessen schauen und ich verneinte. Gott bewahre, ich war fern davon interessiert zu sein, aber aus Höflichkeit habe ich zugestimmt: lass uns diesen Film schauen.

Von Crossfit hatte ich bisher noch niemals gehört und da saß ich auf dem Sofa und beobachtete Matt Fraser, Sarah Sigmundsdottir und Katrin Davidsdottir um den Titel Fitteste Frau /Fittester Mann der Welt kämpfen.

Ich war beeindruckt was der menschliche Körper leisten kann, wie ein einzelner Mensch so lange laufen, so schwer heben und so grazil Gymnastics performen konnte, alles in einem. Dort draußen gibt es also Menschen, die nicht nur einen Handstand können, sondern dazu noch auf ihren Händen laufen und es handelt sich nicht um genetische Sonderlinge.

Bis heute arbeite ich daran mein Frustgewicht los zu werden, aber damals hat mir dazu jeder Muskel im Körper gefehlt, der nicht zum puren Lebenserhalt notwendig war. Ich war beschämt diesen Athleten zuzusehen und zeitgleich fasziniert.

Doch einer völligen Abwesenheit an Selbstliebe und auch nur Selbstakzeptanz ausgeliefert kam mir nicht mal die Idee, dass das ein Sport für jemanden wie mich sein könnte.

Das Thema Crossfit war in dem Moment aus meinem Kopf als der Film zu Ende ging.

Täglich grüßt die Wildsau

Wie es das Schicksal dann wollte eröffnete eine Crossfit-Box genau gegenüber meines Arbeitsplatzes, so dass ich jeden Tag daran vorbei fuhr und das Logo mich anstarrte.

Täglich zwei mal wich ich dem starren Blick einer Wildsau aus, schaute die Dokumentation der Crossfit Games 2017 und verlor ein wenig Gewicht mit Laufen. Ich buchte Urlaub in Portugal und wanderte mehr als Hundert Kilometer durch das Land, nahm spontan Unterricht im Kite-Surfen und ignorierte noch immer die Crossfit-Box direkt vor der Nase.

Doch das Wandern und nicht zuletzt das Kite-Surfen, dass völlig gegen meine Natur geht, haben mir ein gewisses Maß an Selbstvertrauen gegeben. Was hatte ich zu verlieren und wenn sie mich auslachen, muss ich ja nie wieder hin.

Der Dämon in mir

Kleiner Ausflug: Ich habe immer Angst was Leute von mir denken, ich habe Angst das sie tuscheln und lachen, dass ich mich zum Affen mache und viel ungeschickter bin als alle anderen. In mir wohnt ein Dämon, der mir sehr glaubhaft einredet, dass ich mit anderen Menschen nicht mithalten kann und weniger wert bin. Ich weiß er lügt, aber er ist sehr überzeugend, wenn ich alleine mit mir bin.

Im August vor zwei Jahren habe ich in einer mutigen Kurzschlussreaktion einen Termin für ein Probetraining bei Crossfit Wuid vereinbart und keinem etwas davon erzählt.

Die Probestunde

Ich gestehe die Probestunde war furchtbar. Ich habe sehr lange gebraucht den Eingang zu finden und fühlte mich in der riesigen Halle verloren, unwohl und fehl am Platz.

Da ich zu früh war saß ich am Rand und schaute den Menschen zu die trainierten. Ich war verkrampft, meine Hände eiskalt und ich musste sie zwischen meinen wabbeligen Oberschenkeln verstecken, da sie so sehr zitterten.

Vor mir trainierte eine Gruppe und ich zweifelte an, dass ich jemals irgendwas davon können würde, ich kämpfte so sehr damit nicht zu heulen vor Anspannung. Mein Fokus wanderte zu einer sehr zierlichen, sehr durchtrainierten kleinen Blondine in Bootie-Shorts und Sport-BH die frustriert eine Langhantel durch die Gegend schmiss. Milde gesagt, ich war eingeschüchtert. Sehr eingeschüchtert!

Das Training war nicht besser, ich machte Bekanntschaft mit dem Rudergerät und erinnere mich nur an das Kommentar des Trainers, dass ich viel schneller sein müsste. An das Workout selber erinnere ich mich nicht. Nur das ich danach zerstört in der Umkleide saß und dachte ich muss mich übergeben.

Die Anfänge

Aus einem unerfindlichen Grund habe ich dennoch eine 10er Karte gekauft und bin wieder hingegangen.

Bald darauf habe ich einer Arbeitskollegin davon erzählt, die das ganze super spannend fand und mit mir fortan trainieren ging.

Aus der 10er Karte wurde ein Vertrag über 2 Trainingseinheiten pro Woche, die ich seither, fast ohne Ausnahmen, nutze. Ich trainiere meistens vor der Spätschicht, in den ruhigen Mittagsstunden, in den vollen Abendstunden fühle ich mich nach wie vor nicht dazugehörig. Den inneren Dämonen konnte ich noch nicht bezwingen.

The struggle is real!

Und so struggle ich mit Double Unders, dem Seil, Pull-Ups, Handstand und Box Jumps. Die Liste könnte ich endlos weiter führen. Ich bin nicht gut darin an meine Grenzen zu gehen, da ich nicht weiß was passiert wenn ich sie erreiche. Für mich ist Crossfit ein stetiger Kampf gegen mich selber, gegen meine Ängste und Unsicherheiten und dem Dämonen in mir.

Ich suche Wege herum, versuche meine Mitmenschen auszublenden, meine eigenen Erfolge zu feiern, stolz auf meine Fortschritte zu sein und mich täglich daran zu erinnern, dass die Stephanie vor 3 Jahren niemals überhaupt in diese Box gegangen wäre und dass die Stephanie vor 2 Jahren viele der Dinge die sie heute kann nicht gekonnt hätte.

Crossfit ist für mich eine Herausforderung, eine Spielwiese, ein Spießroutenlauf und zeitgleich eine zweite Familie.

Crossfit ist Familie

Ich habe in der Box Menschen kennengelernt die erst Trainer waren und nun Freunde sind. Die kleine, sportliche Blondine von meinem ersten Trainingstag heißt übrigens Sabrina und ist eine große Bereicherung in meinem Leben: Coach, Mental Support und Freundin. Flo schafft es, dass ich über mich selber Lachen kann und Sonja versteht es meine Niederlagen zu Erfolgen zu drehen. Mit Pia kam Yoga in mein Leben und neue Selbsterkenntnisse und der Willen weiter an meinen Schwächen zu arbeiten.

Ich bin weit, sehr weit davon entfernt gut in Crossfit zu sein, aber ich habe Übungen die ich mag, auf die ich mich freue, ich habe Übungen die ich überlebe und vor allem habe ich immer Muskelkater.

Crossfit ist…

Crossfit ist, anders als von mir gedacht, kein Sport für die fittesten der Fitten, sondern ein Sport für die breite Masse, für jeden der sich besser fühlen will, für jeden der sich gesünder bewegen möchte und an seinem körperlichen und geistigen Ungleichgewicht arbeiten möchte. Es macht glücklich, wenn man sein Ego an der Türe lassen kann. (still working on that)

Crossfit bedeutet für mich neben krassen Sportskanonen zu trainieren und mit Menschen wie mir, die einfach ein wenig mehr können wollen als gestern. Es bedeutet mit Menschen in allen Altersklassen und körperlichen Bedingungen zu trainieren, zusammen zu leiden und zusammen über sich hinaus zu wachsen.

Dank Crossfit habe ich eine Langhantel in die Finger bekommen, die, wenn ich sie mir nicht auf den Kopf oder gegen die Nase donnere oder nicht an meinen Brüsten hängen bleibe, es schafft mich heroisch fühlen zu lassen. Ich fühle mich nicht mehr zu “Mädchensport” verdammt. Es gibt eine Welt neben Zumba und Step-Aerobic und Sport für Menschen wie mich.

Liebe deine Defitize

Crossfit hat mir meine Defizite schonungslos klar gemacht: In manchen Dingen bin ich sogar schlechter als ich dachte und das ist beschämend. Fakt ist niemand anders als ich selber habe meinen Körper in diese Situation ge-miss-wirtschaftet. Meine mangelnde Mobilität, keinerlei Stabilität, ein Core aus Pudding und Muskeln die ich erst aus einem Winterschlaf wecken musste.

Langsam, ganz langsam wird alles besser. Schritt für Schritt finde ich Mut, Kraft und Zeit an meinen Schwächen zu arbeiten. Crossfit lehrt mich, dass es mehr als “ganz oder gar nicht” gibt. Es geht darum am Ball zu bleiben, auch nach Trainingspausen wieder anzufangen und das “ein bisschen” besser ist als “gar nicht”.

Ich schaffe es nicht immer zum Training, ich habe selten Lust an meiner Mobi(lity) zu arbeiten und oft ist meine Ernährung fragwürdig.

Aber ich stehe immer wieder vom Sofa auf, ich gehe zum Sport, ich nehme mir manchmal Zeit mich zu dehnen, ich esse manchmal Quark mit Früchten statt eine Tüte Gummibärchen. Manchmal bringe ich den Mut auf etwas zu üben das ich nicht kann und hin und wieder die Stärke, um nach Hilfe zu fragen.

Crossfit Wuid

Crossfit Wuid ist für mich dank seiner Trainer und Mitglieder eine Anlaufstelle für die persönliche Entwicklung geworden. Der Stundenplan ist abwechslungsreich und umfangreich. Die Box gut ausgestattet und biete viel Platz.

Ich liebe die weniger stark besuchten Mittagsstunden, da sie lockerer sind und man mehr Aufmerksamkeit des Trainers hat. Man sieht immer wieder die gleichen Gesichter und hat so neben den sportlichen Aspekt unfassbar viel Spaß.

Die Box lebt von seinen Menschen und ich wüsste nicht, wie es ohne die vertrauten Gesichter wäre. Crossfit ist mehr als ein Sport, wenn man das möchte.

Mehr als nur Sport

Für mich war Crossfit ein Sprung ins Unbekannte, ins kalte Wasser und vielleicht das Beste das mir passieren konnte. Crossfit hat mich endlich wieder zum Schüler meines Lebens gemacht und mich erkennen lassen, dass es zu früh ist um aufzugeben.

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